Don't Call Us
Superstars!

Eine etwas ausgedehnte Rush Hour nennt man so etwas wohl: Ihr neues Album kaum im Kasten, haben die GUANO APES gerade eine Handvoll Gigs in Portugal absolviert, um zurück in Deutschland gleich mit den besten News empfangen zu werden, die sie sich wünschen können: Der Charteinstieg von 0 auf 10 mit ihrer Single "Big In Japan" hat der Band eine Stippvisite bei RTLs 'Top Of The Pops' und damit einen eintägigen Abstecher in die Domstadt beschert...

Zwar steht die Promotour zum aktuellen Album "Dont Give Me Names'' regulär erst eine Woche später auf dem Programm, was die Göttinger aber nicht davon abhält, trotz des nervenaufreibenden TV-Termins einen Blick auf das bandinterne Stimmungsbarometer zu gewähren. Das steht mit einem so großen zweiten Album im Rücken erwartungsgemäß irgendwo zwischen Erleichterung, Ermüdung und - Enthusiasmus. Der ist verständlich, dürfte der ausgesprochen starke "Proud Like A God" - NachfoIger doch für einen internationalen Popularitätsschub in Richtung Himmelsmitte sorgen.

Sollten sie denn jemals kindisch gewesen sein, legen die Guano Apes mit "Don't Give Me Names" ein erwachsenes Stück moderne Rockmusik vor, welches den Vergleich mit Skunk Anansie zwar nicht provozieren, aber doch zumindest rechtfertigen dürfte. Nicht ganz unschuldig daran ist die bemerkenswerte Performance von Sängerin Sandra Nasic, die heute leider erneut mit Stimmproblemen zu kämpfen hatte und direkt nach der Aufzeichnung den Heimweg nach Göttingen angetreten hat. So sitzen mir in einem Kölner Hotelzimmer wenige Wochen nach dem Studiobesuch im belgischen Mol (siehe VISIONS Nr. 85) wieder Gitarrist Henning und Drummer Dennis gegenüber und versorgen mich liebevoll mit Nikotin, Bitter Lemon und Information.

Sandras gesundes Haushalten mit ihrer Stimme dürfte angesichts des bevorstehenden Tourmarathons zu einer Pflichtsache werden, weshalb man schon vor geraumer Zeit Artemis Gounaki Sängerin der Illegal Aliens und Frau des Ex-H-Blockx-Drummers Marco Minnemann zum festen Vocal Coach von Sandra erkor. Drummer Dennis erklärt: "Sandra braucht in erster Linie einen Vocal-Coach, weil sie lernen wollte, mit ihrer Stimme vorsichter umzugehen. Sie gibt auf der Bühne oft mehr, als ihren Stimmbändern gut tut und hinterher kann sie vor Heiserkeit manchmal kaum sprechen. Artemis singt sich vor der Show mit ihr warm und baut ihre Stimme auf so wie unsere Roadies das Schlagzeug und die Backline aufbauen. Das Ganze ist also mehr eine Schutzmaßnahme und Disziplinsache als Gesangsunterricht in eigentlichen Sinn."

Dennoch hat der bewusstere Umgang mit Sandras Stimme bereits auf dem Album seine Spuren hinterlassen, denn es ist kaum zu überhören, welchen Fortschritt Sandra und die Guano Apes als Ganzes dort an den Tag legen. Musikalisch präsentiert sich das Quartett als ein Rockgeschoss mit enormer Durchschlagskraft, und selbst das zwischenzeitliche Gerangel um den Albumtitel ist inzwischen beigelegt.

Ist "Don't Give Me Names" die nüchterne Konsequenz aus der Tatsache, dass ihr euch so lange auf keinen Titel einigen konntet? "Das war wirklich ein Kampf" gibt Dennis zu. "Aber die Idee kam eigentlich von jemanden in unserer Plattenfirma. "Don't Give Me Names" ist die erste Textzeile aus dem Song 'Living In A Lie' und zuerst fanden wir die Zeile als Albumtitel ziemlich schnöde. Wenn man aber mal genauer hinsieht, passt sie wie Arsch auf Eimer. gerade weil wir in der Vergangenheit immer irgendwelche Namen aufgedrückt bekommen haben. Sei es nun 'Kultband der Snowboarder' oder 'Sandra und ihre Jungs' oder 'Die neuen Crossover-Helden'. Wir wollen mit dem Titel durchaus sagen: wenn ihr uns schon in eine Schublade packen wollt, dann lasst in Zukunft, wenigstens das Etikett weg und entscheidet euch einfach nur, ob ihr das Album scheiße, nett oder super findet. Der Titel ist also wieder eine Art Situationsbeschreibung. ähnlich wie "Proud Like A God" damals unseren Stolz auf das erste Album zum Ausdruck gebracht hat.

Nun sind die Apes allerdings immer recht selbstbewusst mit dem Crossover-Etikett umgegangen, was angesichts ihres Sounds auch nachvollziehbar ist - auch in Bezug auf das neue Album. "Das ist im Wesentlichen immer noch so", räumt Dennis ein. "Mit dem Begriff Crossover als Beschreibung einer Musikart habe ich wenig Probleme, aber wenn man uns den 'Ausverkauf des Crossovers' vorwirft, frage ich mich, wie so etwas überhaupt gehen soll. Das neue Album würde ich aber in erster Linie als ein Rockalbum sehen." Henning: "Zu unserem persönlichen Begriff von Crossover stehen wir nach wie vor. Unsere Musikgeschmäcker sind nun mal sehr unterschiedlich, der Kompromiss daraus ist zwangsläufig eine Kreuzung aus allen möglichen Musikstilen."

Der Trip nach Dänemark scheint sein Übriges getan zu haben. Wie wichtig waren die zehn Tage dort oben im Vergleich zu den Sessions bei euch in Göttingen bzw. später im Studio? "Dänemark war eine Art Notbremse für uns", resümiert Henning. "Dort ist ziemlich viel des Songmaterials entstanden, nachdem wir zu Hause überhaupt nichts auf die Reihe gekriegt haben. Irgendeine Spaßbremse hat bei den Proben immer quer geschossen, ein lockeres Jammen war überhaupt nicht mehr möglich. Stefan (Ude, GA-Bassist) hat dann konsequenterweise gesagt, 'Weg hier, so geht es nicht weiter. Also sind wir mit einem festen Ziel vor Augen losgefahren, haben uns in einem kleinen Haus verschanzt und irgendwie lief es dann. Als wir zurück kamen, hatten wir zwei DAT-Tapes voll mit neuen Ideen. Und jetzt befinden wir uns sogar in der schier unglaublichen Situation, Material für das nächste Album übrig zu haben", freut sich der Gitarrist.

Was passiert eigentlich, wenn "Don't Give Me Names" die Erfolge mit "Proud... " noch in den Schatten stellt? Sind sie mental gerüstet für den 'Turbogang', den ein internationaler Breitenerfolg mit sich bringen würde? Immerhin ist es erst das zweite Album... "Wir sind total gespannt, was passiert. Bis jetzt bekommen wir jede Menge positives Feedback für das Album, was uns in unserer eigenen Erwartungshaltung natürlich bestärkt", so Dennis. "Von meiner Seite kann ich nur sagen, dass ich mich 100%ig mit dem neuen Album identifizieren kann. Im Mai wissen wir mehr, auch was die Verkäufe angeht. Ich rechne ehrlich gesagt nicht damit, dass wir in dieser Hinsicht an das erste Album herankommen, zumindest nicht in Deutschland. "


Auch Henning steht den nächsten Monaten äußerlich gelassen gegenüber: "In den Staaten konnten wir von "Proud ..." bisher 60.000 Stück verkaufen, was für eine deutsche Band schon ziemlich beachtlich ist. Wenn es im Mai dort mit Creed und Sevendust auf Tour geht, ist schon noch mit einem Push in den Verkäufen zu rechnen, aber von einem Millionenseller träumt wohl keiner von uns."

Aber selbst mit einem erwartungsgemäßen Erfolg dürfte der Medienrummel nicht lange auf sich warten lassen. Und der war ja schon beim ersten Album beträchtlich. Wie arrangiert man sich persönlich damit ? "Wenn es so weitergeht wie in den ersten Tagen der Albumpromotion, dann wird das in der Tat ganz schön heftig", attestiert Henning nicht ohne Stolz. "Im Moment sind wir ja auch noch extrem geil darauf über das Album zu sprechen, weil es gerade frisch aus der Röhre kommt... " Dennis: "Die Hochphase des sogenannten Stardoms mit schreienden Kiddies und so etwas hatten wir im Endeffekt ja schon. Natürlich weiß ich nicht, was da noch kommen wird, aber als Newcomer so hofiert zu werden wie damals war schon eine intensive Sache. Wir haben uns in dieser Zeit damit beholfen, den ganzen Rock'n'Roll-Zirkus auf die Schippe zu nehmen und den Leuten klar zu machen, dass wir keine Superstars sind. Wir sind Nasen wie jeder andere auch, und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir irgendwann mal so rüberkommen wie Oasis. Solange man sich nicht verhält wie ein Superstar werden die Leute einem auch dementsprechend begegnen. Hoffe ich jedenfalls."

Laut Henning haben die Guano Apes auch im Umgang mit tatsächlichen Stars keinerlei Hemmungen, der Prominenz den Spiegel vorzuhalten: "Wir haben richtig Spaß dabei, dieses Stardom-Gehabe nach Strich und Faden zu verarschen. Auf der Echo-Verleihung damals in Hamburg sind wir natürlich auch ganz standesgemäß mit einer fetten S-Klasse vorgefahren worden und haben allen aus dem Fenster heraus erzählt, Dennis sei Nino de Angelo. Das hat uns aber auch nicht viel interessanter gemacht. Als wir dann aus der Limo ausgestiegen sind, gingen die Scheinwerfer und Kameras sofort wieder aus - alle fragten sich, was wir Spacken auf dem roten Teppich zu suchen hatten. Wir haben dann gesagt, wir hätten uns verfahren und ein paar Leute haben das wahrscheinlich auch geglaubt!"

Dennis ergänzt: "Wir haben uns bandintern mal das Versprechen gegeben, sofort Bescheid zu sagen, wenn einer von uns plötzlich Rockstar geworden ist, ohne es selber gemerkt zu haben. Manchmal ist das auch nötig, z.B. wenn wir besoffen sind und aus dem fahrenden Auto pissen, so wie Stefan gestern abend, haha! Sandra ist dann oft diejenige, die uns wieder auf den Teppich holt. Obwohl das umgekehrt sicher genauso oft passiert." Ob Sandra auch aus fahrenden Autos pinkeln würde, erscheint mir fraglich. Aber lassen wir das. Inwieweit jedoch gewisse Fans diese Einstellung zum Stardom akzeptieren können und wollen steht auf einem ganz anderen Blatt...
"Das ist mir auch schon aufgefallen", stimmt Henning zu. "Manche Fans forcieren diese Trennung zwischen Publikum und Band regelrecht, weiß der Himmel, warum. Letztlich geht es doch darum, gemeinsam eine Party zu feiern und nicht um irgendeinen Devotismus. Besonders ärgerlich finde ich das auf Konzerten. Da ist schon eine große Wertschätzung zu spüren, was ja auch okay ist, aber so ein Zusammenkommen in dem Sinne gibt es da manchmal gar nicht. Besonders scheiße fand ich in dem Zusammenhang unsere Show auf der Crossing All Over-Tour in Gütersloh. Die Stimmung im Publikum war total aggressiv, die Stagediver sind völlig rücksichtslos über unser Equipment getrampelt. Wenn ein Publikum so respektlos mit einer Band umspringt, geht der spaßige Aspekt einer Show schnell flöten. Und wenn ab der fünften Reihe die Muckerpolizei wacht und nach dem Gig auch noch schlaue Ratschläge von sich gibt, muss ich echt kotzen. "
Dennis wundert sich: "Mann, Henning, das sind ja ganz neue Töne von dir! Da hast du nach der Show gar nicht mit mir drüber gesprochen. Aber wir haben in der Regel ein Superpublikum. Die Shows in Portugal waren in dieser Hinsicht traumhaft, gerade, weil das Feiern während der Gigs im Vordergrund stand und sich beide Seiten, Publikum und Band, das Äußerste abverlangt haben. Das ist immer besser als so eine 'Wir hier unten, ihr da oben'-Mentalität."

In der Tat scheinen einige Fans ein sehr, sagen wir mal, emotionales Verhältnis zu den Apes zu haben. Wer einen Blick in das Gästebuch ihrer Website wirft, findet dort neben allerlei Lob für die Musik auch einige recht eindeutige Angebote an diverse Bandmitglieder. Jedenfalls ist Sandra schon lange nicht mehr die einzige, die Liebesbezeugungen und mehr bekommt. Henning wird hellhörig: "Wirklich? Das ist ja interessant. Aber im Grunde finde ich es ausgesprochen befremdlich, wenn jemand mit mir sexuelle Kontakte anstrebt, nur weil ich in der glücklichen Lage bin, professionell Musik zu machen, Erfolg mit einer Band zu haben, ist oft mit einem seltsamen Gefühl verbunden, weil etwas sehr Intimes plötzlich sehr öffentlich wird. Richtig interessant wird es, wenn die subjektive Erfahrung des Hörers - die ja auch etwas Intimes hat - auf uns zurückkommt und wir uns selbst in dieser Erfahrung wiedererkennen können. Das hat schon was von Sex. Aber mein privates Leben ist vom Bandleben weitgehend getrennt, und das geht den anderen auch so. "

Auch Dennis weiß die Wurzeln in seinem persönlichen Umfeld zu schätzen: "Die privaten Kontakte halten einen auf der Erde, was sich immer dann als extrem wichtig herausstellt, wenn alles um dich herum ausflippt, wenn du den Raum betrittst. Auch wenn ich solche Beiträge wie die erwähnten auf unserer Webseite sehr lustig finde, ich freue mich, dass die konzentrierte Aufmerksamkeit. die Sandra oft alleine abbekommt, nun auch etwas auf andere Bandmitglieder verteilt wird. Ich kann, jetzt nur begrenzt für Sandra sprechen, aber sie empfindet das manchmal schon als eine Art Arschkarte, von allen Seiten zum Aushängeschild der Band gemacht zu werden. Auch die meisten Pressevertreter stürzen sich, wenn man sie lässt, auf Sandra. Wir müssen da immer ein bisschen aufpassen, als Band wahrgenommen zu werden."

In Zukunft dürfte Heimaturlaub wohl noch mehr als früher zu einer kleinen Rarität für die Göttinger werden. Insgesamt wirken die neuen Songs etwas tiefgründiger, besonders der Track "Living In A Lie" klingt wie die Erkenntnis, dass der Ruhm durchaus Schattenseiten in sich birgt und Opfer von euch verlangt. Dennis runzelt die Stirn: "Ja, persönliche Kontakte aufrecht zu erhalten gerät manchmal schon bei den engsten Beziehungen, z.B. zu unseren Freundinnen, zu einem kleinen Kunststück. Man begibt sich schon in eine zweite Identität, die sich vor dem Hintergrund des eigentlichen Lebens wie eine Lüge anfühlt. Sandra hat das in dem Song 'Living In A Lie' thematisiert, und wir alle hätten diese Zeilen so oder so ähnlich formulieren können. Besonders hart treffen diese beiden Welten aufeinander wenn unserer Partner eine Weile mit auf Tour sind. Auf der erwähnten Crossing All Over-Tour waren meine und Hennings Freundin dabei, und die beiden haben uns auch vor Augen geführt, wie langweilig touren mitunter sein kann. Mittlerweile kann ich echt gut verstehen, warum manche Musiker zu Alkoholikern werden. Du hast oft nichts zu tun, hängst viel ab und genug Bier ist auch immer da. Also säufst du dir einen."

"Den Draht zu unseren Freunden nicht zu verlieren, ist darüber hinaus eine ziemlich wichtige Grundlage für uns als Band" , fügt Henning hinzu. "Sicher für die ganz konkreten Dinge ist das Management da, und es gibt auch immer mal Gespräche mit den H-Blockx, Vivid oder Campino, wenn es um Erfahrungswerte geht, die wir einfach noch nicht haben. Aber die besten Berater sind nach wie vor Leute aus unserem privaten Umfeld. Die denken nicht ans Marketing, wenn sie eine neue Nummer hören, sondern sagen uns, ob ein Song groovt oder nicht. Aber ich will nicht den Eindruck erwecken, lieber zu Hause sitzen zu wollen und irgendeinen anderen Job zu machen. Denn unterm Strich finde ich es verdammt geil, mit meiner Band erfolgreich zu sein. "

Da wird ihnen auch nicht viel anderes übrigbleiben, denn nach der Headliner-Show auf der WDR-Rocknacht und den US-Dates wartet ja bereits der Festivalsommer. Eine Menge Hotelzimmer freuen sich schon auf die Guano Apes... "Na klar, manchmal vermisse ich die sogar", lacht Dennis. "Letztes Jahr waren wir einmal zwei Monate am Stück zu Hause, was für unsere Verhältnisse echt lang ist. Da saß ich dann vor der Kiste und habe die Oberkrise gekriegt. Irgendwann habe ich meine Sachen gepackt und bin übers Wochenende in ein Hotel nach Köln gezogen, nur weil ich das Gefühl beim Einchecken so vermisst habe. Kein Scherz."

Autor: Martin lordanidis
Fotos: Dirk Schelpmeier

... aus VISIONS 5/2000
Mit freundlicher Genehmigung!

(Dank an Thor!)