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In
allen Schubladen zu Hause
Wie man einen
Hit schreibt? Am besten, man bekommt den Auftrag dazu. Vor der Snowboard-Europameisterschaft
1998 fragten die Organisatoren bei der Göttinger Band Guano Apes
an ob sie nicht, wie Bassist Stefan Ude später in einem Interview
sagte "so ein richtiges Crossover-Brett schreiben könnte, und
Hit-Potenzial sollte der Song auch noch haben". Gesagt, getan. Die
Auftragsarbeit "Lords of the Boards" geriet zum bis dahin größten
Erfolg für die Band, die es mit ihrem Debüt-Album Proud
Like a God" zuvor in die Top 30 geschafft hatte. Fortan galten die
Guano Apes allerdings als schwer angesagte Snowboard-Combo, die mit einer
Mischung aus Metal, Hardcore und FunkElementen den Soundtrack für
die verwegenen Schneebrettler lieferte. Ihre Karriere begann 1996, als sie ihren ersten Plattenvertrag bei einen vom niedersächsischen Privatsender Radio ffn und vom Musikkanal Viva gesponserten Talentwettbewerb gewannen. Was normalerweise den sicheren Weg ins Nichts bedeutet, erwies sich für die Guano Apes bald als Sprungbrett in die Heavy Rotation von Viva, wo Songs wie "Open your Eyes" also tagaus, tagein über den Bildschirm liefen. Drei unauffällig, aber ungekünstelt wirkende Jungs plus einer so attraktiven wie charismatischen Sängerin mit Wahnsinnsstimme, die feinsten Crossover mit eingängigen Refrains boten - endlich, so dachte man nicht nur bei Viva, war die deutsche Antwort auf Bands wie No Doubt oder Skunk Anansie gefunden. Die Guano Apes spielten mit, räumten alle Preise von Comet bis Echo ab, die sich die Musiksender haben einfallen lassen, und erklärten, als sich die Begeisterung etwas legte, dass die Moderatoren bei MTV doch ziemlich blöde seien (Schlagzeuger Dennis Poschwatta) und "auf Viva zu 90 Prozent nur Scheiß läuft" (Sandra Nasic). Sie selbst eine typische Viva-Band? Gepushte Helden für Zahnspangenträger? Nie im Leben. Ein Missverständnis. Bei Bravo wiederholte sich dieses Muster. Zwar lästerte Dennis Poschwatta über "diese grauenvollen Quartett-Spiele", auf denen sich die Guano Apes nun zwischen Echt, N'Sync und der Kelly Family wiederfanden, zwar geißelte er das "Bildzeitungs-Niveau" des altehrwürdigen Jugendmagazins, aber letztlich fand er doch, dass "die Kiddies statt von den Backstreet Boys auch mal von einer Gitarrenband inspiriert" werden könnten. So tauchten die Guano Apes weiterhin häufig in der Bravo auf, verwiesen in Interviews mit Tageszeitungen aber brav darauf, dass ihre Wurzeln doch in der Anarcho-Szene der linken Hochburg Göttingen lägen. In Musikmagazinen für ein erwachsenes Publikum wie dem Rolling Stone oder Musik Express gab sich die Band ganz ernsthaft und wies jeglichen Verdacht der Teenie-, Snowboard- oder Viva-Band weit von sich. Was durchaus als Widerspruch hätte gewertet werden können, perfektionierten die Guano Apes, ob nun gewollt oder nicht, zu einer ganzen Reihe parallel verlaufender Images. Die Marketingstrategen mussten begeistert sein: Wer sich selbst in alle Schubladen setzt, passt nachher in keine mehr - eine Verweigerung durch geschickt dosierte Anpassung. So verschreckte die Band, die sich nie zu offensiven Aussagen hinreißen ließ, keinen einzigen Kunden und deckte nach und nach vom 14- bis zum 45-Jährigen alle möglichen Käufergenerationen ab. Der Erfolg war überwältigend. "Proud Like a God" verkaufte sich nach etwas schleppendem Start bis heute über zwei Millionen Mal, "Don't Give Me Names" schoss sofort an die Spitze, und die rundum netten Germans mit dem harten Anschlag, den lustigen Bärten und den grün bis schwarz gefärbten Haaren wurden auch im restlichen Europa, in Japan und den USA so begeistert aufgenommen wie seit den Scorpions keine deutsche Rockband mehr. Was ebenfalls wenig verwundert: Einerseits sind die Guano Apes in Sachen Technik und Spielwitz eine der brillantesten Bands seit langem, andererseits sind sie auch im internationalen Kontext nur schwer mit einer Nation oder einem bestimmten Image zu identifizieren. Einziger Nachteil ihres Auftretens ist die immer mal wieder aufkeimende Kritik, der Band würde es doch etwas an Ecken und Kanten mangeln. Nur - da verwechseln viele wieder mal Musik und Image. Autor:
JÖRG SCHALLENBERG
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