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Böse
Miene, gutes Spiel
KINDERMÖRDER, KORRUPTE POLITIKER, kalorienreiche Kost, meist aus Kartoffeln gemacht und nach entsprechender Behandlung in siedendem Fett auch Fritten genannt. Doch, Belgien ist ein schönes Land! Und wenn man mal von den Stereotypen absieht, mit den das kleine Königreich ständig in Verbindung gebracht wird, stimmt das sogar. Anders als ihre deutschen Nachbarn besitzen die Belgier zum Beispiel nicht den geringsten Respekt vor der Obrigkeit. Wäre man unverfroren, könnte man sie auch als Volk von Anarchisten bezeichnen. Und das wiederum passt prima zu dem, was die Guano Apes nach Belgien getrieben hat. In den Galaxy Studios, ein supermoderner Gebäudekomplex in einem abgelegenen Nest namens Millegem, machen sie Musik. Was ja auch so eine Art Anarchismus ist. Nur akustisch eben. Wer die Band aus Göttingen bei der Arbeit an ihrem neuen Album in ebenjenem Millegem beobachten kann, wird das gern bestätigen: sägende Gitarren, vertrackte Rhythmen, Frauenstimmen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Das Ergebnis heißt "Don't Give Me Names'', wird am 2. Mai 2000 veröffentlicht und ist das neue neue Album der Apes. Es ist aber nicht nur das neue Album des Quartetts, sondern auch das zweite. Und das macht die Sache schwierig. Denn das zweite Album ist auch immer das problematischste. Im Fall der Guano Apes sogar das allerproblematischste. Warum? Ganz einfach! Ihr Debüt ("Proud Like A God'') war mit 700.000 verkauften Exemplaren dermaßen erfolgreich, dass dieses Ergebnis kaum noch zu toppen ist. Genau das aber erwartet (fast) jede Plattenfirma. 700.000 Verkäufe von Album 1, ja, Donnerwetter noch mal, da müsste mit der Nummer 2 doch glatt die Million zu knacken sein! Schon möglich. Was, ja was aber, wenn den Hauptbeteiligten, den Musikern also, erst mal die Ideen ausgegangen sind? Und genau mit diesem Problem hatten die Guano Apes als Folge ihres kometenhaften Aufstiegs zu kämpfen. Nach Hunderten von Terminen neben Konzerten in ganz Europa die übliche PR-Tretmühle aus Interviews für Presse Funk und Fernsehen - trat die Band im vergangenen Jahr erst mal den Rückzug ins Private an. Drummer Dennis Poschwatta (25): "Nach dem ganzen Stress hatte in Göttingen jeder von uns was Besseres zu tun, als neue Songs zu schreiben. Der Kuchen bei Tante Hilde kam da besser als das Nachgrübeln über neue Songs." Merke: Auch Rockmusiker sind nur Menschen - was einem im Falle der Guano Apes ganz besonders angenehm auffällt. Nein, in dieser Runde lässt keiner den Rockstar raushängen. Im Gegenteil: Zurückhaltung ist angesagt, auch im Familienkreis und unter alten Bekannten. Gitarrist Henning Rümenapp (23): "Für mich gibt's nichts Schlimmeres als'ne Familienfeier, bei der ich als Popstar angekündigt werde. Auch bei alten Bekannten ist das so 'ne Sache. Man trifft sich auf der Straße, redet miteinander, und plötzlich stellst du fest, dass sich der Typ, mit dem du sprichst, dauernd umdreht, um auch ja sicher zu gehen, dass er mit dir gesehen wird." Und weil Henning Rümenapp sich gerade so schön warmgeredet hat, räumt er auch noch gleich mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf-. "Wenn du es in diesem Geschäft zu was gebracht hast, denken die Leute sofort, dass sie es jetzt mit dem Rock'n'Roll-Star von Welt zu tun haben. Dabei ist das völliger Schwachsinn. " Stimmt. Genauso wie die Tatsache, dass es selbst dem dicksten Denker nicht dauernd gelingt, kreativ zu sein. Es gibt sie, die kreativen Löcher, aus denen man als Künstler erst mal wieder herausfinden muss. "Wenn
ich da sitze und nachdenke, wünsche ich mir keine Sekunde etwas anderes
als diesen Job."
SANDRA NASIC DIE GUANO APES ÜBERWANDEN IHRE KREATIVE Krise in Dänemark. Dorthin hatte sich die Band, neben Drummer Dennis Poschwatta und Gitarrist Henning Rümenapp noch Sängerin Sandra Nasic (23) und Bassist Stefan Ude (25), zurückgezogen, um in aller Ruhe an neuen Songs zu arbeiten. Und siehe da: Die Abgeschiedenheit eines Landhauses kam dem gruppendynamischen Kreativprozess massiv entgegen. Henning Rümenapp: "Wir jammten plötzlich wieder wie in alten Zeiten, ergänzten uns dabei hervorragend, und schon nach wenigen Tagen hatten wir einige wirkliche gute Songs, die das Grundgerüst für das neue Album bildeten.' Nun ist "Don't Give Me Names" fertig, und die Band ist zufrieden. Dabei war das selbstgesteckte Ziel nicht eben bescheiden, wie Henning Rümenapp sich erinnert: "Wir wollten ein absolut amtliches Produkt rausbringen für den internationalen Markt." Und was, wenn der Schuss - wider alle Erwartungen -trotzdem nach hinten losgehen sollte. Was, wenn die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen zurückbleiben sollten? "Dann werden wir eben versuchen, es beim nächsten Mal noch besser zu machen", gibt Dennis Poschwatta zurück. Nein, ein Weltuntergang wäre es nicht für die Guano Apes, wenn man statt 700.000 Platten diesmal "nur" eine halbe Million verkaufen würde, ein angenehmer Gedanke, man sieht es ihren Gesichtern an, aber genauso wenig. Immerhin hat man nicht nur Deutschland, sondern den internationalen Markt im Auge. Und da müsste nach menschlischem Ermessen und den Erfahrungen der Vergangenheit einiges drin sein an Verkäufen. Eine ganz besondere Rolle spielt dabei der amerikanische Markt. Schließlich haben die Guano Apes jenseits des Atlantiks bereits erste positive Erfahrungen gemacht. Eine im vergangenen Jahr absolvierte achtwöchige Tour mit P.O.D., ein vierter Platz in den Altemative-Charts für den Song "Open Your Eyes" und sechsstellige Verkaufszahlen für den Album-Erstling "Proud Like A God" lassen auch für dieses Jahr einiges erhoffen. Zumal die Guano Apes sich für "Don't Give Me Names" in Soundfragen von einer Koryphäe unter den amerikanischen Klangexperten beraten ließen. Jawohl, kein Geringerer als Producer Bob Ludwig nickte die Eignung des zweiten Guano-Albums für den amerikanischen (in diesem Fall gleichbedeutend mit internationalen) Markt ab. Was also, ja was soll da noch groß schiefgehen? "Ne ganze Menge kann da noch schieflaufen", weiß Henning Rümenapp, auch wenn er nicht daran glaubt, dass es so kommt. Eine gesunde Portion Skepsis aber ist, gerade gegenüber dem US-Markt, geblieben: "Wenn man in den Staaten ist, wird man auch zur Kenntnis genommen. Aber wenn man dann wieder weg ist, wird man fallengelassen wie eine heiße Kartoffel." Da weiß man doch glatt, was man am eigenen Land hat! Deutschland ist da auf jeden Fall die sicherere Fan-Basis. Apropos Fan-Basis: Sind die Guano Apes immer noch eine Band zum Anfassen? Drummer Dennis ist da sehr optimistisch: "Ich denke doch, dass wir nach wie vor 'ne Band zum Anfassen sind. Deshalb nehmen wir auch schon mal Freunde mit zu Festivals oder anderen Terminen. Dann sehen die, was da zum Teil für 'ne Schweinearbeit drinsteckt und dass die Sache mit Sex'Drugs'n'Rock'n'Roll nichts weiter ist als ein saublödes Klischee." Auch Henning Rümenapp sieht sein Geschäft eher nüchtern: "Das ist kein großes Mysterium, sondem stundenlange, harte Arbeit. Oder, wenn man das andere Extrem hemehmen will, endlose Langeweile. Dazu kann es beispielsweise beim Videodreh kommen, wenn man zwei Tage einfach nur blöde rumsteht und einem der Himmel auf den Kopf fällt." Der Popstar also als Mensch, mit dem man Mitleid haben sollte? Der nur hart arbeitet und kaum Spaß dabei hat? Widerspruch von allen Seiten. Nein, so habe man das ja nun auch nicht gemeint mit dem harten Job. Klar sei man glücklich darüber, dass man es im hart umkämpften Musikbusiness zu etwas gebracht habe. Nur sei man halt dagegen, das Ganze zu mystifizieren. "Auf der anderen Seite, meldet Sängerin Sandra Nasic sich zu Wort, "ein bisschen Glitzer bleibt immer erhalten in diesem Geschäft. Und ja, wir haben einen genialen Job, trotz der vielen Termine. Mein ganz persönlicher Traum jedenfalls ist wahr geworden." "Kommt
halt vor, dass Sachen nicht klappen. Dann sage ich schon mal: Leck' mich
doch am Arsch." DENNIS POSCHWATTA "Jeder
muss für sich selbst entscheiden, was er macht, wenn's mal nicht
mehr so gut laufen sollte mit der Band wie bisher." HENNING
RÜMENAPP
Autor:
Michael Weilacher | Photos: Dirk Schelpmeier (Dank an Thor!) |