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Rotzfrech!
Ihr
letztes Album brach alle Rekorde: PROUD LIKE A GOD war das bestverkaufteste
englischsprachige Debüt einer deutschen Band aller Zeiten. Die Musikwelt
fragt sich nun: In welche Richtung steuern dìe GUANO APES in Zukunft?
Irgendwie
fühlt man sich ungewohnt gesund. Die Galaxy-Studios im belgischen
Millegem stehen inmitten von satt-grünen Wiesen und Wäldern,
von denen Jürgen Trittin einen Ständer kriegen würde. In
dieser Umgebung kann man sich auch zu einer Waldhorn-Sonate in Hirsch-Moll
inspirieren lassen: Vor dem Parkplatz kauen dich sechs Kühe an, die
Landluft versetzt die Smog-Lungen in einen superben Sauerstoffrausch.
Inmitten dieser Idylle legen die Guano Apes letzte (Affen-)Arme an den
mit Spannung erwarteten Nachfolger zum Bestseller PROUD LIKE A GOD
aus dem Jahr 1997. 750.000mal wechselte das Crossover-Album den Besitzer
- eine gigantische Zahl, die das Leben und im Endeffekt das Songwriting
der Göttinger gehörig durcheinander brachte. Dennoch: Man wird
das im Gesundheitsministerium und den Vereinigten Staaten nicht gerne
hören - aber die neue Platte raucht ungeheuer! Und das, obwohl sich
die Vorproduktion zum neuen Werk komplizierter als erwartet gestaltete.
Ihr Debüt bestach durch Unbekümmertheit, die vorn Erfolg fast
gefressen worden wäre.
"Wir hatten ein ziemlich großes kreatives Loch zu überstehen",
blickt Drummer Dennis Poschwatta zurück. "Nach der Festival-Tour
'98 wollten wir im Proberaum mit neuen Songs beginnen und brachen nach
einer halben Stunde ab. Wir waren ausgepowert, leer und uninspiriert",
bedauert er, bevor Gitarrist Henning Rümenapp ergänzt: "Man
begann in völlig neuen Strukturen zu denken: Ist der Song gut genug
für eine Single? Wir sind voll in die Businesskiste abgedriftet und
begannen uns zu fragen, für wen wir das alles eigentlich machen.
Beim ersten Album war das anders - da probierten wir einfach alles aus
und machten locker-flockige Musik.
Die Naivität und der Spaß gehören zu unsere Konzept."
Nachdem sich diese destruktive Phase über mehrere Monate hinzog und
man sich gar fragte, "ob da überhaupt wieder irgendwas kommt",
zog die Band die Notbremse. Im Dezember '98 mieteten die Guano Apes ein
Haus in einem abgelegenen dänischen Ferienort, um endlich wieder
den Kopf frei zu bekommen - und endlich wieder in die mentale Verfassung
zu kommen, die sie beim Vorgänger so stark gemacht hatte. "Erstaunlicherweise
ging in Dänemark alles wie auf Knopfdruck", freut sich Henning
über das wiedergefundene Selbstverständnis in Sachen Songwriting.
"Wir jammten einfach drauf los, ließen auch mal abwegige Ideen
zu und hatten innerhalb von wenigen Tagen eine Reihe neuer Songs auf dem
Tisch. Man kennt ja die tollen Geschichten von Bands, die die nächste
Platte auf einer Akustik-Klampfe hinten im Tourbus schreiben - so funktioniert's
bei uns nicht."
Doch genau das wäre nötig wesen, wenn man einen Nachfolger noch
im letzten Jahrhundert hätte präsentieren wollen. Schließlich
reisten die Göttinger knapp zwei Jahre unaufhörlich durch die
Weltgeschichte und trafen sogar in den Staaten auf mehr als wohlwollende
Reaktionen. Kein Wunder also, dass man nun die Fans erst im Sommer (wahrscheinlich
Juni) 2000 mit neuem Stoff versorgt. "Es war gut, diese Pause zu
haben", resümiert Dennis. "Man hat schon bei den eingebrochenen
Verkaufszahlen zu unserer letzten Single 'Don't Turn Your Back On Me'
(auch auf dem MESCHUGGE-Soundtrack - Anm.D.A.) gemerkt, dass das Publikum
von uns übersättigt war. Wir wollten kein schnelles, wir wollten
ein gutes Album!"
Und das scheint es allem Anschein nach zu werden. Die vier Songs, die
man der angereisten Journaille vor den Latz knallt (und die am 20.3.
zum Teil auf der BIG IN JAPAN-EP erschienen sind) spannen immer noch
den Bogen vom Crossover über Punk zum Alternative Rock und sind um
eine Ecke härter, rotziger und frecher, als man dies vielleicht erwarten
durfte. "Ich glaube eigentlich nicht, dass man dachte, wir würden
ein weiches Album einspielen ", wundert sich Dennis. "Auf Tour
gingen uns die Samples auf den Sack. Das neue Material ist erdiger, homogener
und präsentiert die Band von ihrer Live-Seite. Wir sind keine Virtuosen
oder 'ne große Rock'n'Roll-Show, sondern vier Dämmlacken, die
irgendwie Musik machen. Es ist nicht alles so verfummelt wie beim Debüt,
sondern straighter gehalten. Wenn man uns aus den Konzerten kennt, bei
denen die Songs doch wilder rüberkommen, dürfte diese Entwicklung
niemanden überraschen."

Insgesamt wurden 13 Tracks aufgenommen, unter denen sich laut Henning
neben einer "fiesen Chemical Brothers Nummer" auch ruhigere
Stücke befinden, die dem Hörer "nicht aufs Maul schlagen,
sondern eine Oase bieten" und Sängerin Sandra Nasic' stimmliche
Fähigkeiten voll zur Entfaltung kommen lassen - oder anders ausgedrückt:
strapazieren.
Die Dame musste sich trotz eines Gesangstrainers nach durchsungener Nacht
mit einer Halsentzündung abmelden, während Ronald Prent (u.a.
Rammstein) konzentriert am Mix arbeitet und Produzent Wolfgang Stach neben
einem Badminton-Netz (bei dem sich die Apes sportlich austoben) die letzten
Streicherparts aufnimmt. Da schon dieselben Namen auf der Hülle des
Debüts stehen, könnte man meinen, die Guano Apes hätten
die einfachste aller Lösungen gewählt und auf das 'winning team'
am Mischpult gesetzt.
"Das
kam erst im Nachhinein. Anfangs haben wir uns übernommen ",
bekennt Henning, "Wir dachten, dass wir bereit wären, alles
im Alleingang aufzunehmen. Das ist völlig in die Hose gegangen. "
So erkor man Alberto Trentini zum Mann des Vertrauens, der in Göttingen
einen Großteil der Songs vorproduzierte, bevor wieder Wolfgang Stach
in Erscheinung trat. "Wir haben auch andere Produzenten ausprobiert,
aber es funktionierte nicht. Durch die Zusammenarbeit bei PROUD LIKE A
GOD haben wir uns mit Stach eine Basis erarbeitet, die sich sonst nirgends
fand. Zusammen mit Trentini ergab das ein super Team. Na ja, das Studio
war ziemlich voll, aber es funktionierte. Ich bin absolut zufrieden mit
unseren neuen Songs", verkündet Dennis selbstbewusst. Die Reaktion
der malmenden Wiederkäuer vor der Studiotür gibt ihm Recht -
oder kenn ihr Rinder, die Kopfsocken tragen und mit den Hufen Beifall
klappern?
AFFENGEILE
TRACKS
'Innocent Greed': Überfette Gitarren, die im Hintergrund wegen
der klirrenden Soundeffekte an Korn erinnern. Wegen der gediegenen Atmosphäre
mit der letzten Single 'Don't Turn Your Back on Me' vergleichbarer, wenn
auch härter. Mischung aus Crossover und Alternative Rock! '
'I Want it': Nach ein paar Sirenen erwartet den Hörer ein
sehr straight gehaltener Punk-Song, der eher von der Rythmussektion als
den Riffs bestimmt wird. Der Skunk Anansie-ähnliche Chorus wird einem
ziemlich penetrant eingehämmert. Knackig!
'Gogan': Kommt in seiner funkig-freakigen Anlage an den Debüt-Song
'Suzie' heran. Dieser vertrackte Rhythmus explodiert - und das im wahrsten
Sinne des Wortes - im Chorus zu einem New Metal-Brecher. Megafette Produktion,
ein echter Boxentest!
'Big in Japan': Drei-Minuten-Hammer-Version des Alphaville--Hits
aus den Achtziger Jahren. Ein Tanzbodenfeger, wie ihn auch schon Gun mit
ihrer Neuaufnahme von 'Word Up' bewerkstelligten. Mutiert gegen Ende zu
einem rotzigen Punker.
(Bildunterschrift)
"Wir sind keine Virtuosen oder 'ne große Rock'n'Roll-Show,
sondern vier Dämmlacken, die irgendwie Musik machen"
Autor:
MATTHIAS WECKMANN
... aus HAMMER 4/2000
Mit freundlicher Genehmigung!
(Dank
an Thor!)
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