
Tierische Sandra
Vom Hühnerstall nach Texas. Die Göttinger Band Guano Apes will Amerika erobern.
Sie wüßte schon, wie es geht, das Leben als richtiger Popstar: zwei Bodyguards, eine fette Stretchlimousine, mit den ersten Millionen eine Insel kaufen. "So machen sie's in den USA nach zwei Hits." Sandra Nasic hat schon zweieinhalb Hits, aber keinen Leibwächter, keinen Führerschein, nicht mal eine eigene Wohnung. "Das Zimmer bei meiner Mutter ist groß genug, und ich bin sowieso kaum daheim."
Acht Monate im Jahr ist die Sängerin der Guano Apes mit ihren drei Bandkollegen unterwegs: Studio, Videodreh, Promo-Tour, Konzerte. Und was sonst noch so verlangt wird, von der Vorturnerin der Combo, die das "erfolgreichste englischsprachige Debüt-Album aller Zeiten in Deutschland" vorgelegt hat.
Stolz wie Oskar: Seit über einem Jahr hält sich "Proud Like A God" in den Charts. In Deutschland gab's dafür Platin, in Österreich und der Schweiz Gold. Selbst in Polen, Spanien und Frankreich fanden sich Zehntausende von Käufern. Und wenn klappt, was sich die 22jährige Göttingerin vorgenommen hat, dann steht sie bald noch seltener hinter der Theke in der Kneipe ihrer Mutter, wo sie bisher brav Bier zapfte, wenn sie zu Hause war. Nicht, daß ihr rote Teppiche und goldene CDs zu Kopf gestiegen sind, aber eine Karriere in den USA - das wär's: "Davon träumt jeder."
Nur sind die Träume der Guano Apes weit konkreter, als sie bei 99,9 Prozent aller deutschen Bands je werden. Ende 98 hat ihr Manager Björn Gralla, 29, zum erstenmal bei Plattenkonzernen in New York vorgesprochen. Mitte März flog die Truppe nach Texas; genauer gesagt zu einer Musikmesse nach Austin, wo an fünf Tagen 800 Bands über die Bühnen gescheucht wurden. 300 Leute drängelten sich in dem Mini-Club, in dem die Guano Apes vorspielten. Und ein Mann schwitzte noch mehr als der Rest des Publikums: der Manager der US-Plattenfirma, der den Göttingern einen Vertrag angeboten hatte und nun gespannt war, wie die Amerikaner - speziell aber seine Oberbosse - die lärmenden Deutschen aufnehmen würden.
"Made in Germany" steht in den USA schließlich nicht unbedingt für höchste Rockerkunst. Deutsche Dance- und Disco-Acts, die verkaufen sich prima in den Staaten. Aber krachende Gitarren? Die große Ausnahme waren die Scorpions. Aber die Zeiten, als die Hardrocker aus Hannover die Fahne hochhielten, sind schon ein paar Jahre vorbei. Und eine Grammy-Nominierung für Rammstein macht noch keinen Sommer - wenngleich sie "die ein oder andere Tür öffnet", wie Apes-Manager Gralla zugibt.
Natürlich hätten seine Schützlinge das gar nicht nötig, schiebt er sofort hinterher: "Texas war ein Triumphzug." Für den April hat er gleich noch ein Konzert in Boston klar gemacht. Zwei drei Monate später wird die erste Single auf dem amerikanischen Markt erscheinen. Und dann soll's richtig losgehen. Momentan verhandelt Gralla noch mit US Partnern, die vor Ort Konzerte buchen, die Band vertreten, kräftig Wind machen für das "große Ding aus Germany". Soviel haben die Musiker bei ihrem ersten Trip schon gelernt: Die Eroberung Amerikas ist keine Klassenfahrt, "das bringt mehr Arbeit als in Deutschland, aber auch mehr Chancen".
In den Staaten geben nicht zwei Musiksender den Ton an wie hierzulande MTV und Viva. "Die Hits werden von den College-Radios gemacht", glaubt Gralla, "und davon gibt's unglaublich viele zu beackern." Auch drängeln sich die Journalisten nicht in ein paar Großstädten wie in Deutschland, wo wenige Konzerte reichen - und schon hat der Künstler ein bundesweites Echo. Gralla: "Unter 14 Tagen Tour ist in Amerika nichts drin. Sechs Wochen wären besser."
An Live-Strapazen ist die Gruppe allerdings gewöhnt. Schließlich hat sie sich durch die Clubs hochgespielt, standen die Musiker voriges Jahr 100mal auf der Bühne. Im Gegensatz zu Boygroups und sonstigen Rittern des schnellen Reibachs haben sie einen geradezu klassischen, wenn nicht antiquierten Werdegang im Rockbusineß vorzuweisen: Die Mitglieder der Band wurden nicht unter Marketingaspekten ausgesucht, sondern rekrutierten sich aus der Göttinger Studentenszene. Den Namen (Apes heißt Affen, Guano ist ein Dünger) erfanden sie bei einer WG-Fete, die ersten Lieder probten sie in einem ehemaligen Hühnerstall. Auch an die Kiste Bier als Lohn für einen Auftritt in der Schulaula erinnern sie sich noch. Heute kassiert die Gruppe sechsstellige Gagen, hat weit über eine Million Tonträger verkauft, hat alle wichtigen Preise abgeräumt, und, was fast noch wichtiger ist als Gradmesser für Ruhm und Ehre: In der "Bravo" werden Sandras Haarfarbe (augenscheinlich wechselhaft) und Liebesleben (angeblich supertreu) hartnäckig erörtert.
Natürlich weiß die Frontfrau, wie schnell die Teenies andere Poster an die Wand hängen. Damit könne sie aber umgehen nach einem "Super-Kompaktkurs in Sachen Showbiz", sagt die Tochter aus einer kroatisch-deutschen Ehe. Erste Lektion: Folgt dem ersten Hit ein Flop mit der zweiten CD, dann sind Popstars schnell wieder weg vom Fenster. Feierabend, aus der Traum: keine Insel, keine Stretchlimousine, keine Bodyguards.
Das alles müsse sie wirklich nicht haben, bekräftigt Sandra Nasic. Und selbst im schlimmsten Fall werde die Band nicht mittellos auf der Straße stehen. Soviel Geld hat sie auf die Seite gebracht. "Garantiert stellen wir uns nicht in die Fußgängerzone, ein Schild um den Hals - wir sind ein Opfer der Musikindustrie."
Der Sieg bei einem Nachwuchsfestival war der Startschuß für eine steile Karriere.
Das erste Album "Proud Like A God" hat sich seit Februar 1998 über 650 000mal in Deutschland verkauft.
Die Hits "Open Your Eyes" und "Lords Of The Boards" fanden je 350 000 Käufer.
aus:
FOCUS 14/1999
Text: Georg Meck
Fotos: D. Schelpmeier/H. Starck/FOCUS-Magazin