Die Göttinger Band Guano Apes hat es bis in die Top Ten geschafft. Der CHARAKTER (Stadtzeitung Göttingen) sprach mit Schlagzeuger Dennis Poschwatta über den Schwachsinn der Bravo, eine Flucht in die Spielhalle und über ihre möglichen Nachfolger.

CHARAKTER: Warum spielt Ihr angesichts Eures Aufstiegs überhaupt beim Altstadtfest und dazu noch nicht einmal auf der größten Bühne?

Dennis: Bestimmt nicht des Geldes wegen. Weil es unsere Heimat ist und weil wir hier groß geworden sind, wollten wir auf jeden Fall auf dem Altstadtfest spielen. Umsonst und draußen, ist doch gut, kann jeder vorbeikommen. Eigentlich wollen wir uns in Göttingen rar halten, aber der letzte Auftritt ist ja jetzt schon wieder ein halbes Jahr her. Was die Bühne betrifft: Samstag spielen wir noch in Baden Baden und Sonntag hätten wir nicht in das Konzept der Outpost-Bühne gepaßt. Wir hoffen, daß das Gedränge in der Prinzenstraße jetzt nicht so groß ist.

CHARAKTER: Der Musiksender Viva hat Euch bei der Verleihung des Comet-Preises zu den besten fünf Live-Bands gewählt, u.a. neben den Rolling Stones. Welchen Stellenwert hat denn diese Preisverleihung für Dich?

Dennis: Schon komisch. Einerseits ist es ja so eine Selbstbeweihräucherung der Fernsehbranche, der ganzen Musikbranche überhaupt. Da soll so ein deutsches Gegenstück zum MTV-Award aufgebaut werden. Aber es ehrt einen natürlich, wenn man als bester Live-Act zusammen mit Janet Jackson, den Rolling Stones, Guildo Horn und Rammstein auf einer Treppe steht. Das ist einfach schön. Henning sagt immer, wenn es einen Preis gibt: "Ach, ein Staubfänger mehr." Ich seh das schon ein bißchen anders.

CHARAKTER: Wenn Du Dir früher vorgestellt hast, mal berühmt zu sein, was war dann der größte Unterschied zu der Realität, die Du jetzt erlebst?

Dennis: Jemand hatte uns vorher mal gesagt, daß Rock'n Roll zu neunzig Prozent warten ist, was damals keiner von uns verstanden hat. Wir dachten alle, der hat ne Macke. Aber es stimmt. Man wartet immer. Man fährt stundenlang durch die Gegend, zu einem Open Air, wartet stundenlang auf seinen Auftritt, spielt 45 Minuten und fährt wieder.

CHARAKTER: Was nervt Dich denn außer der Warterei am meisten am Ruhm?

Dennis: Interviews gehen einem manchmal ganz schön auf den Sack. Gerade wenn sich kein Gespräch entwickelt, wenn jemand zum fünftausendstenmal wissen will: "Wie seid Ihr denn auf den Namen gekommen?" Da hast Du echt keinen Bock mehr und spulst nur noch dein Programm herunter. Und manchmal nervt (lacht) diese Autogrammeschreiberei, wie letztens beim "Best of Local Heroes" in Meppen. Wir hatten direkt hinter der Bühne geparkt, aber wenn man sich nur mal was aus dem Bus holen wollte, mußte man sich schon mindestens zwanzig Minuten Zeit nehmen. Überall standen nur die kleinen Kiddies rum und schrien nach Autogrammen. -

CHARAKTER: Wunderst Du Dich noch, daß jemand Autogramme von Dir haben will?

Dennis: Am Anfang war es sehr komisch, da war ich selber ziemlich verlegen und hab mich gefragt, mein Gott, warum will der das haben? Aber die Leute freuen sich ja echt darüber, also machen wir Ihnen natürlich die Freude. Ich selber würde mir nie mehr ein Autogramm von irgendjemandem holen. Das wurde übrigens noch schlimmer in Meppen. Wir sind dann durch die Innenstadt gegangen und wollten ein paar Aufnahmen für ein Video machen. Es war unmöglich, die ganze Zeit waren zwanzig, dreißig Kiddies auf unseren Fersen und haben keine Ruhe gegeben. Foto hier, Gekreische da. Wir sind nachher in eine Spielhölle geflüchtet, weil da keiner unter 18 reindarf. Dann haben wir da Billard gespielt und unsere Aufnahmen dort gemacht.

CHARAKTER: Habt Ihr eigentlich Angst, durch Bravo oder Viva zu einer reinen Teenie-Band zu verkommen?

Dennis: Ja, das war damals die Frage, ob wir überhaupt was mit der Bravo machen wollten. Aber wenn man mit seiner Single auf Platz fünf der Charts steht, dann kommt die Bravo sowieso auf einen zu. Wenn man mit denen nicht kooperiert, dann schreiben die, was sie wollen. Also haben wir uns gesagt, wir machen was mit denen - und warum sollten die Kiddies statt von NSync und den Backstreet Boys nicht auch mal von einer Gitarrenband inspiriert werden?
Nur leider haben die von der Bravo trotz Interview das geschrieben, was sie wollten, völliges Bild-Zeitungs-Niveau. Jetzt haben wir uns zurückgezogen. Aber letzte Woche kam noch ein Quartett-Spiel heraus, das war so grauenvoll. Kelly Family, Backstreet Boys, Echt, N Sync und dann auf einmal die Guano Apes, vier Karten mit unseren Fotos dazwischen. (Schüttelt angewidert den Kopf.)

CHARAKTER: Was ist denn das dümmste, das bisher über Euch geschrieben wurde?

Dennis: Ganz klar: Daß "Rain" entstanden ist, als Sandra auf Tour in ihrem Hotelzimmer lag und Sehnsucht hatte nach ihrem Freund Peter, 23, Sportstudent. Wer immer das ist. Stand in der Bravo, natürlich. Wie auch, daß wir auf unserer Tour in Österreich und der Schweiz jede freie Minute genutzt haben, auf den Hügel zu gehen und Snowboard zu fahren. Genauso ein Mumpitz. Außerdem sind wir plötzlich alle jünger geworden, Stefan war plötzlich nur noch 18 Jahre alt.

CHARAKTER: Wie ist denn überhaupt Euer Verhältnis zu den Medien?

Dennis: Zu Anfang mußte man sich anbiedern, dann kam die Presse allmählich auf einen zu und zum Schluß stürzten sich alle komplett auf Sandra. Bei MTV habe ich Kimsy mal ziemlich angemacht, weil die immer nur von "Sandra und ihren Jungs" sprach. Bei Bravo TV das gleiche. Kaum kramte Sandra in ihrer Tasche rum, schwenkte der Reporter schon rüber. Wir legen Wert darauf, daß wir eine Band sind.

CHARAKTER: Soviel zu den Schattenseiten. Was war denn Dein schönstes Erlebnis bisher?

Dennis: Ein richtiger Höhepunkt war, daß wir die Tour im letzten Jahr geschafft haben. Das war richtig anstrengend, und wir hatten es uns doch wesentlich leichter vorgestellt. Es waren knapp dreißig Shows im November und Dezember, und wir haben uns die ersten Abende ziemlich abgedichtet, bis wir dann gemerkt haben, so geht das nicht. Wir haben eine Menge gelernt in der Zeit, speziell Sandra, bei der dann irgendwann die Stimme weg war.
In diesem Jahr (1998) war es das Rock am Ring-Festival, unser erstes großes Festival. Wir hatten uns wer weiß was vorgestellt und waren dann erstmal sehr enttäuscht, weil bei den Bands vor uns gerade mal tausend Leute vor der Bühne standen und der Rest saß so vereinzelt in der Gegend rum. Dann haben wir uns warm gemacht und kamen wieder nach vorn zur Bühne - auf einmal stand alles voll, so zwanzig- bis dreißigtausend Leute, ich kanns schwer schätzen.
Wir gehen auf die Bühne und alle fangen an, rumzujodeln, kaum zu fassen. Und wenn dann diese Menschenmassen anfangen, krumm und schief "Rain" mitzusingen, das ist Wahnsinn. Als das Album in die Top Ten stieg, Anfang des Jahres, haben wir natürlich auch alle mit offenem Mund gestaunt.

CHARAKTER: Fühlt Ihr Euch nach dem ganzen Erfolg des vergangenen Jahres jetzt unter Druck, was die nächste Platte angeht?

Dennis: Nein, die Plattenfirma hat uns etwa klar zu verstehen gegeben: 'Wir wollen kein schnelles, wir wollen ein gutes Album.' Man muß diesen Leistungsdruck, den man sich selber macht, komplett wegschmeißen, sonst ist man nicht kreativ genug. Wir müssen uns jetzt als Band erstmal wieder zusammenfinden. Man wird ja auf Tour sehr müde und schreibfaul. Der Kopf ist leer. Wir haben seit Oktober vielleicht fünfmal zusammen geprobt. Die erste Probe nach der großen Tour war so ein Reinfall, daß wir alle nach ner halben Stunde wieder nach Hause gegangen sind.

CHARAKTER: Wie stellst Du Dir das nächste Album denn momentan vor?

Dennis: Ich denke, es wird straighter. Wir wollen nicht soviel mit Elektronik rumfuchteln. Wenn irgendwelche Loops oder so was da sind, wollen wir versuchen, das mit akustischen Instrumenten umzusetzen. Es gibt bis jetzt erst fünf, sechs Stücke und da kann auch noch eine Hardcore-Polka dazukommen.

CHARAKTER: Wann kommts raus ?

Dennis: Wenns fertig ist. Vielleicht nächstes Jahr im Herbst.

CHARAKTER: Euer erster großer Erfolg war der Gewinn des Local Hero Wettbewerbs von radio ffn. Dieses Jahr hast Du in Göttingen in der Jury gesessen. Eat No Fish aus Einbeck, die gewonnen haben, werden schon mit Euch verglichen. Kommen da Eure Nachfolger?

Dennis: Ich finde Eat No Fish sehr gut. Die Band hat Potential, die hat Songs. Ich kenne diesen Mißstand, in dem sie jetzt sind, wenn sie mit uns verglichen werden, sehr gut. Bei uns hieß es zu Anfang, wir wären der deutsche Verschnitt von No Doubt oder Skunk Anansie, das ist natürlich total dämlich. Eat No Fish machen viel mit elektronischen Beats, das ist ein ganz eigener Stil, das hat nicht viel mit uns zu tun. Aber es ist halt Musik härterer Gangart, da ist ne Frontfrau und drei Leute. Das wars dann auch. Das ist wirklich alles, was ich da an Gemeinsamkeiten zwischen uns und Eat No Fish sehe. Da gibt es in Deutschland wahrscheinlich Tausende von Bands, die so aussehen. Wenn das zur Zeit nun ein Trend sein sollte, dann finde ich das schön, besser als Techno-Gedaddel oder solche Konsorten.
Außerdem wird es Zeit, daß sich mehr Frauen in der Rockmusik durchsetzen; Obwohl wir uns ja nicht als Mann oder Frau in der Band sehen, sondern als Musiker. Mal abgesehen davon, daß Sandra auf Tour immer ein Einzelzimmer bekommt.

aus: CHARAKTER 8/98
Autor: Jörg Kruse

Danke an Thoralf
fürs Korrekturlesen.