Stolz wie Oskar!

Stefan Ude (Bass), Dennis Poschwatta (Schlagzeug), Henning Rümenapp (Gitarre) und Sandra Nasic (Gesang), die tatsächlich von der Bravo als "deutsche Gwen Stefani" (Frontfrau von No Doubt) bezeichnet wurde, sind die Guano Apes. Wenn man mittlerweile einen wildfremden Menschen irgendwo und irgendwie nach den Guanos fragt, fängt er an zu singen. Nanu? Haben die sympathischen Göttinger etwa einen Hit gelandet? Jau, einen echten Hit: "Open your eyes, open your mind, proud like..." Das im Oktober '97 erschienene Debutalbum "Proud like a god" tummelt sich nunmehr in den verbindlichen Top 30 der Charts und geht weiterhin weg wie warme Semmeln. Die Leser der Zeitschrift Visions haben die Band übrigens zum "Newcomer des Jahres" gewählt. Ein Video haben sie auch gedreht und wer länger als eine Stunde MTV oder Viva sieht, bekommt es auch zu Gesicht. Sie sind mittlerweile so gefragt, daß sie in diesem Jahr auf der Hauptbühne des Bizarre-Festivals in Köln und bei Rock am Ring spielen.

Das sind nur einige Gründe, warum wir, drei unbedarfte caput.-Mitarbeiter, nach Göttingen zum Proberaum der Kreuzüber- Spezialisten gefahren sind. Eigentlich wollten wir zwar nur Sandra kennenlernen, um vor unseren Freunden anzugeben, haben die Band aber trotzdem nach ihrem Erfolg gefragt. Tja, Sandra traf ja auch erst ein, als das Interview schon längst beendet war.

Bei mehreren netten Gläschen Sekt entwickelte sich jedenfalls ein Gespräch prickelnd wie Champagner, das wir euch, liebe Leser, nicht vorenthalten wollen.

Caput.: In Jemen wird mit Scheiße geheizt, wo und wie benutzt man denn Guano?
Dennis: Also, aber die heizen doch mehr mit den Gasen...... Guano verwendest Du als Dünger für Blumen.
Stefan: Guano sind auch die kleinen Schrauben bei den Lkw’s. Also, die gehn da rein, da durch, und vorne wieder raus, damit dieser Lkw- Anhänger abgeladen werden kann.

Caput.: Echt????
Stefan: Nö!

Caput.: Nun gut. Ihr habt auf jeden Fall Erfolg, und das ist ja das Wichtigste. Seid Ihr schon in den Top 50?
Henning: Deutlich. (26.02. Platz 18 der Albumcharts, Anm. D. Red.)

Caput.: So, jetzt möchte ich wissen: Wie macht sich Erfolg bemerkbar?

Dennis: Ich denke, man kann das daran sehen, wieviele Leute zum Konzert kommen.

Caput.: Und, wieviele kommen so?
Dennis:Unterschiedlich. Zwischen 200 und 1000, und das gibt einen sehr guten Durchschnitt. Weil, wir haben nämlich mit 30 bis 70 Leuten gerechnet, und dann ging das auf einmal so los, und dann sind so viele Leute gekommen. Erfolg zeigt sich außerdem noch durch die Plattenverkaufszahlen.


Caput.: Gab es denn schon einmal folgende Situation: Jemand kommt und fragt nach einem Autogramm, aber bitte auf’s Hinterteil?

Dennis: Nö, bis jetzt war es immer nur das Vorderteil, aber ich mache das immer gerne.
Henning: Da gab es zum Beispiel eine nette Geschichte in Duisburg. Wir kommen da so nachmittags an, also zu einer Zeit, wo man eigentlich noch nicht zu Konzerten geht, steigen aus dem Bus aus, und dann überfällt uns gleich eine mit einem Notizblock und herausgerissenen Zeitungsartikeln, und da haben wir den dann achtfach signieren müssen. Das war ganz witzig, weil sie uns etwas auf dem falschen Fuß erwischt hat. Ich meine, es war erst vier Uhr am Nachmittag. Wir wären eigentlich an Ihr vorbeigegangen, weil sie einfach nur da rumstand, und sagt dann : "Ey, könnt Ihr hier vielleicht mal unterschreiben.“ Krank.

Caput.: Ja, ist doch schön. Gibt es eigentlich eine Szene, Hardcore, Hip-Hop, gibt es sowas noch in der Art, wie es einmal war?

Stefan: Ja, meine Oma ist ziemlich heftig drauf.

Caput.: Seid Ihr Popper? Gibt es Leute, die Euch den Ausverkauf der Szene vorwerfen?

Stefan: Nein, aber wenn, dann wäre uns das auch relativ egal. Es hat ja auch noch keiner getan.

Dennis: Im Grunde sind wir ja Popper.
Stefan: Von allem etwas!
Dennis: Insofern ist es auch sehr schwer zu sagen, daß wir zu irgendeiner Szene gehören, wir werden jetzt eben immer mehr in die Snowboard-Ecke gerückt. Aber was hören Snowboarder für Musik?

Caput.: Keine Ahnung!

Dennis: Die hören von Techno bis Schlager über Hardcore auch alles.
Henning: Aber ich denke mal die Bands selbst sind wirklich die Letzten, die sich einer Szene zuordnen. Es sind einfach die Leute; die denken wir würden Musik speziell für Snowboarder machen. Es ist eben immer eine Pauschalisierung.

Caput.: Ihr seid also auf jeden Fall offen gegenüber verschiedenen Stilen und Richtungen?

Henning:Wenn es um unsere persönliche Stilrichtung geht, würde ich unsere Musik schon als Crossover bezeichnen, obwohl der Begriff mittlerweile ja völlig abgenutzt ist. Aber von der grundsätzlichen Bedeutung kommt er unserer Musik am nächsten: kreuzüber, aus allen möglichen Stilen zusammengesetzt! Das liegt wahrscheinlich daran, daß wir selbst alle nicht nur eine Musikrichtung hören und versuchen in Allem möglichst offen zu sein. Daher kommt der KREUZÜBER.


Caput.: Wo liegen denn Eure Einflüsse?

Dennis: Von Jazz bis Heavy Metal.

Caput.: Was für Leute kaufen Eure Platte? Wer geht auf Eure Konzerte?

Henning: Das würde ich auch gerne mal wissen.
Dennis: Das ist sehr unterschiedlich!
Henning: Nein! (große Unruhe, ein Hin und Her, tumultartige Zustände)
Dennis: Ähhm,... das ist halt sehr unterschiedlich! (Gelächter) Nee, also, es ist wirklich so. Manchmal hast Du da so 40-jährige Muttis und auch so kleine Kiddies, aber wer die Masse ausmacht, ist schwer festzustellen.
Henning: Es ist allerdings auch schon vorgekommen, daß bei Konzerten der Veranstalter gesagt hat: "Fangt bitte nicht zu spät an, ihr habt bestimmt junges Publikum und die wollen dann früh nach Hause!". Generell steht aber nicht die Teenieriege in der ersten Reihe und wirft ihre Unterhosen auf die Bühne.


Caput.: Stimmt es, daß ihr auch schon mit Kuscheltieren beworfen wurdet?

Dennis: Die waren gekauft!

Caput.: Echt?
(Doofe Lacher) Ihr habt also keine spezielle „Zielgruppe“ , auf die ihr eure Musik zuschneidert?
Henning: Wir machen einfach die Musik, die uns Spaß macht.


Caput.: Danke, das wollten wir doch nur hören.

Henning: Das sind ja Fangfragen...

Caput.: Wie wichtig ist euch euer Image?

Dennis: Das Image projizieren auch die Leute auf dich. Wenn du einer bestimmten Szene zugeordnet wirst, dann schreiben die Leute dir automatisch ein bestimmtes Image zu. Z.B. in der Bravo stand, daß wir die neue Kultband der Snowboarder seien.

Caput.: Ihr wart in der Bravo?!
(Erstaunter Tonfall...)
Dennis: Wie, hast du als Kind keine Bravo gelesen?

Caput.: Äh, doch...

Dennis: Und, warst du damals ein schlechter Mensch?

Caput.: Ein schlechterer als heute..

Henning: Jetzt erst einmal eine grundsätzliche Frage. Was ist überhaupt Image?
Dennis: Was haben wir denn für ein Image?

Caput.: Ich meine einfach das, was euch in Gefahr bringen könnte, in eine bestimmte Ecke gedrängt zu werden.

Henning: Das ist uns eigentlich nicht wichtig, wir sagen uns auch nicht wir machen diese Platte, um dieses oder jenes Publikum anzusprechen,
sondern machen - gerade auch live - nach wie vor das, woran wir Spaß haben, und das auch rüberbringen können.

Caput.: Das ist natürlich in Ordnung. Wie ist das denn von heute auf morgen in diese ganze Plattenfirmenmaschinerie, sprich Marketing usw., hineinzurutschen?

Dennis: Dann geht halt die Arbeit los. Dann denkt man sich mit den Leuten von der Plattenfirma ein Konzept aus, wann veröffentlicht wird etc.. Dann wird Promotion gemacht und dann sieht man wie die ersten Abverkäufe sind. Bei uns war es ziemlich heftig. Wir hatten gleich am Anfang 11.000 Platten draussen und das ist für eine Newcomerband ziemlich viel. Ich habe echt Schiß gehabt, daß wir die nicht wegkriegen. Bis jetzt lief eigentlich alles ziemlich "easy". Aber wenn man einen Plattenvertrag unterschreibt, dann muß man sich natürlich kompetente Hilfe holen, einen Manager und Rechtsanwalt und so. Gerade weil viele Plattenfirmen an uns dran waren, und man selber als Musiker sich gar nicht mit solchen Dingen auskennt. Und mit Supersonic haben wir schließlich auch unsere Wunschfirma gefunden.

Caput.: Geht es auch ohne die ganze Maschinerie, sich selber zu hypen?
Dennis
: Man kann sich in Deutschland auch auf eigene Faust die Finger wund spielen und dann ist vielleicht auch mal der richtige Mensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort und man kriegt den einen oder anderen Artikel, aber das ist jetzt schon etwas ganz anderes mit Rock Hard, Hammer, Visions & Co., die fangen jetzt alle an auch mal größere Berichte zu schreiben, weil wir einfach Erfolg haben. Wenn man jedes Interview ablehnt, und auf das alles verzichtet, wird man es nie schaffen.
Henning: Man muß sich auch von vornherein klar machen, was man erreichen will. Wenn man sich von vornherein sagt, wir machen das Ganze selber, als reines Hobby, dann braucht man so etwas nicht. Wenn man allerdings wie wir die Chance hat, nicht nur Spaß zu haben, sondern auch Geld damit zu verdienen, dann nimmt das irgendwann so überhand, daß man das Ganze einfach nicht mehr alleine bewältigen kann, dann hast du so viel um die Ohren, deine Geschäfte zu regeln, daß du kaum noch zum Musik machen kommst. Man hat auch gar nicht die Erfahrung und die Connections, die jemand hat, der das professionell macht. Das heißt, das müsstest du dir über Jahre mühsam erkämpfen.
Dennis: Dann bist du alt, kannste in Rente gehen.

Caput.: Verdient ihr schon daran?
Stefan: Die Plattenfirma ist zu geizig.

Caput.: Das ist doch eure Wunschfirma...
Dennis: Deswegen ja. Wir wollten ja kein Geld damit verdienen. Also, es gab einen Vorschuß auf die Plattenverkäufe, und da kann man eine gewisse Zeit von überleben, aber es ist schwer. Jetzt sind allerdings die Gagen ziemlich in die Höhe gegangen, das ist natürlich ein schöner Nebeneffekt, und ich denke wir werden den Sommer ohne zu verhungern rumkriegen.

Caput.: Ihr habt ja auch schon zwei Videos gedreht. Äh,... wie war's?
Dennis: Stressig, nervig, harte Arbeit ... und das viele Saufen zwischendurch...

Caput.: Wo habt ihr das Video zu "Rain" (wird die zweite Single, Anm. D. Red.) gedreht?
Dennis: In Spanien, in der Sierra Nevada. Leider ohne Urlaub. Sollten wir eigentlich haben, aber der ist flach gefallen, weil wir so viel drehen mussten.
Henning: Zwei Minuten drehen, Viertelstunde auf die Sonne warten, drei Minuten drehen, zwanzig Minuten auf die Sonne warten...
Dennis: Der Dreh zum ersten Video ("Open Your Eyes", Anm. d. übernächtigten Red.) war ziemlich lustig, weil es noch Alkohol am Set gab, bei "Rain" war Alkoholverbot, und das fand ich dann nicht so gut...
Man stellt sich das immer sehr interessant vor, am Anfang ist das auch noch interessant, aber das meiste, was du tust, ist warten.
Stefan: Ehrlich?
Dennis: Ja, du hast ja immer nur gewi**st!

Caput.: Wie lange dreht man an so einem Video?
Dennis: "Open Your Eyes" hat zwei Tage gedauert. Und "Rain" hat viereinhalb Tage gedauert - reine Drehzeit. Dann wird ja noch geschnitten usw.

Caput.: Alsö (sic!), schlaue Frage: Was kommt in Zukunft?

Dennis: Tja, wir werden viel touren, es wird irgendwann eine zweite Platte geben und vielleicht kriegen wir auch mal ein paar Groupies, das wäre sehr schön.
Henning: Sandra hat die doch.
Dennis: Ja. Wir nicht. (Beide klingen sehr niedergeschlagen...)

Caput.: Wie sieht das mit Festivals im Sommer aus?

Dennis: Aaaaalso, die beiden "wichtigsten" Festivals werden wohl das Bizarre und Rock Am Ring sein.

Caput.: Wie war das eigentlich bei "Vivasion" mit Stefan Raab?

Dennis: Scheiße. Ich wollte eigentlich nur weg da. Meine Freundin hatte an dem Tag Geburtstag, und der Typ ging mir ein bißchen auf den Sack.


Endlich trudelt auch Frontfrau Sandra ein, großes Hallo und was noch so alles dazugehört. Ein weiteres Gespräch erweist sich ob des inzwischen beachtlichen Alkoholpegels der Affen als unmöglich ...

Noch ein schöner Vogelscheißaffenwitz zum Abschluß: Dennis: Was macht „NuckNuck“? Ein Kuckuck mit Hasenscharte... (Hihihi, Anm. D. sehr amüsierten Red.)

aus:
CAPUT Februar 98
Gesprächspartner & Text: Markus Balk, Simon Balk, Marcel Merling, Tim Rittmann, Stephan Schwingeler