Der große Wurf!

Trotz zwei Millionen verkaufter CDs, zahlreicher Auszeichnungen und allgegenwärtiger Medienpräsenz: Guano-Sängerin Sandra Nasic hat sich kaum verändert: Eine aufgeweckte 24-Jährige, die mit ihrem zweiten Album 'Don't Give Me Names' ein neues Kapitel der jungen Bandgeschichte aufschlägt: Weg vom stereotypen Crossover-Sound der 90er, hin zu einer funkig-groovigen Rock-Variante. Und die zeugt von einer unglaublich spielfreudigen, hochmotivierten Truppe. Kein Wunder bei den Erfolgen der letzten Jahre – und der entspannten Atmosphäre eines kleinen, aber feinen Tonstudios im dänischen Nirgendwo, wo sie in aller Ruhe (und mit Stammproduzent Wolfgang Stach) an neuen Songs basteln konnten.

Der Spaß, den sie dabei hatten, schlägt sich denn auch in jeder Note des Albums nieder. "Wir haben versucht, uns von dem Erfolgsdruck nicht überrennen zu lassen", so Sandra. "Deswegen sind wir letztes Jahr für zwei Wochen nach Dänemark geflüchtet, um einfach entspannt zu arbeiten. Denn letztendlich wollten wir gute Songs auf die Platte bringen, das war das primäre Ziel." Selbiges gilt auch für die Texte. Die sind nicht ganz so platt und "teutonisch" wie auf 'Proud Like A God', über die Sandra heute allenfalls verlegen lächeln kann – vor allem über "Lords Of The Boards". "Das gebe ich selber zu, dass der grausam ist, muss aber zu meiner Verteidigung sagen, dass ich ihn nicht alleine geschrieben habe. Da hatte ich irgendwo auch ein bisschen Beihilfe, weil das einfach superschnell über die Bühne gehen sollte. Und wir hatten ja auch nicht erwartet, dass es so eine Mega-Single wird."

Umso überraschender, dass das Album ausgerechnet im englischsprachigen Ausland so gut lief. Vor allem in Amerika. Dort haben die Apes seit der Veröffentlichung im September '99 schon 70.000 CDs abgesetzt und waren auch auf großer Tour – im
Vorprogramm der christlichen Alternative-Rocker von POD. "Ich war ziemlich erschrocken, als ich die Jungs zum ersten Mal traf", lacht Sandra. "Das waren wirklich Tiere, absolut muskulös. Die sahen aus, als wären sie irgendwo from the neighborhood entflohen. Tätowiert bis auf die Zähne, dabei hatten sie sogar die Bibel im Tourbus."

In den nächsten Wochen sind die Apes dann wieder in den Staaten unterwegs – diesmal mit Creed. Deutschland steht ab Ende Mai auf dem Plan. Zunächst größere Mehrzweckhallen, dann Open-Airs und überall, wo man sie sehen und hören will. "Ich freue mich richtig, obwohl ich weiß, wie anstrengend das wird. Vor allem, weil es diesmal nicht 300er Clubs sein, sondern eben 10.000er bis was-weiß-ich-was. Die Kapazitäten haben sich geändert, und gerade das macht es so spannend."

Überhaupt komisch, wie begehrt die Vier trotz ihrer Dauerpräsenz sind. Im Gegensatz zu ihren Kollegen von H-Blockx bis Vivid mussten sie bislang noch keinen Karriereknick verzeichnen. Im Gegenteil: Selbst mit dem Alphaville-Cover "Big In Japan", das eigentlich nur für die EMI-Compilation 'Pop In Deutschland' gedacht war, konnten sie die Top10 der Singles-Charts knacken. Ein echtes Phänomen, vor allem wenn man bedenkt, dass ihnen der 80s-Hit anfangs genauso bekannt war, wie dem Gros ihrer Fans – nämlich gar nicht. "Alphaville kenne ich nur von meiner Mutter. Die hatte sich das öfter mal reingezogen. Aber bis dato wusste ich noch nicht einmal, dass es eine deutsche Band ist. Ich dachte wirklich, die kämen aus England." Offen, ehrlich, charmant – Tugenden, die sich die Guano Apes locker leisten können. Vor allem mit einem Album wie 'Don't Give Me Names' – das ist wirklich der ganz große Wurf.

Aktuelle CD 'Don't Give Me Names' (GUN / BMG Ariola)

... aus Aktiv Musik 5/2000