guano apes

Und die Legende erzählt, wie einst alles in einem Stall begann: Und über der Krippe da stand der Name wie ein strahlender Komet am Musikhimmel.

Ein Affenzirkus ist das. Nein, eher hüpfende Äffchen. Die Rede ist von den Guano Apes die man schon nicht mehr als Shooting-Stars bezeichnen kann, weil sie sich ihren Platz im deutschen Pop-Rock-Olymp schon mit drei Hits ("Open Your Eyes", "Rain", "Lords Of The Boards" aus dem Debütalbum Proud Like A God) erobert haben. Stefan Ude, der Ruhige, spielt Baß; Dennis Poschwatta, der Clown, drischt hemmungslos auf das Schlagzeug ein; Henning Rümenapp, der Bedachte, spielt die Gitarre, und Frontfrau Sandra Nasic, die mit dem losen Mundwerk, singt und textet.

Zusammen sind sie gerade mal 88 Jahre alt. Die Episode, die ihnen den leicht abstrusen Bandnamen einbrachte, ist den Jüngeren unter uns geläufig. Zum besseren Verständnis: Trunkener WG-Abend sorgt für wirre und wirkungsvolle Wortkombination. Guano steht für Vogeldünger, Apes eben für die Afferln.

In und um Göttingen herum, da kommen sie her; morgens tauchen sie in Hennings dunkelgrünem Citroen im Messegelände von Hannover auf. Fit für die GQ-Modeproduktion? Mitnichten. Verschlafen, ein wenig grantig, eher schweigsam - was nach Wochen der Tor-Tour durch Deutschland, die Schweiz und Österreich auch verständlich ist. Außerdem regnet es, und das macht einen frühen Morgen in Hannover auch nicht gerade sympathischer. Mit strahlenden Kinderaugen wird die reichgedeckte Frühstückstafel begutachtet, mit Argwohn und tiefstem Mißtrauen die Kleiderstange, an der Gutes und Teures baumelt. Stefan möchte sich gleich gar nicht umziehen; was er am Leib trägt, ist ihm entschieden lieber. Dennis kann sich glücklicherweise für eine graue Dolce-&-Gabbana-Jacke begeistern, Henning ist alles recht, und Sandra weiß mit einem verspielten lila Jäckchen gar nichts anzufangen. Croissants, Kaffee und Brötchen zeigen Wirkung - die Guano Apes erwachen langsam aus dem Koma, das Studio wird zum Affentollhaus. Das reiche Sortiment an studioeigenen CDs findet allerdings keine Gnade vor den Augen der vielgerühmten Musiker. Was bleibt? Natürlich Proud Like A God.

Seit ihrem fulminanten Start in den Hitparaden sagt man den Guano Apes eine nahe Verwandtschaft zu No Doubt und Garbage nach. Ob die zur Zeit errötete Sandra Nasic wirklich auf gleiche Stufe mit Gwen Stefanie und Shirley Manson rückt, könnte schon das nächste Album zeigen. Charismatisch ist die Frau, nicht ganz so hübsch wie Gwen und Shirley, aber durchaus mit einem starken Organ gesegnet.

Wer mit Guano pflanzt, wird Ruhm ernten. Und so hat die Band-Historie - so nicht nur die Legende - in einem zum Proberaum umfunktionierten Stall auf Stefans elterlichem Hof in Berensen ihren Ursprung. Wie idyllisch. Haben denn nicht schon ganz andere Geschichten von irdischer und göttlicher Bedeutung in einem Stall ihren Lauf genommen? Sollte das etwa der Grund für den Titel ihres Debütalbums sein? "Den Stall habe ich eigens mit meinem Vater umgebaut. Ich bekomme jede Unterstützung, aber bis vor ein paar Monaten dachten meine Eltern immer noch, die Band sei bloß ein Hobby von mir", sagt Stefan. Doch inzwischen sind die Eltern so stolz, daß sie sich sogar einen Videorecorder zugelegt haben, um die Auftritte des Sohnemanns auf Band mitverfolgen zu können.

Keiner von den Apes hat sich von Kindesbeinen an mit Instrumenten beschäftigt oder in zig Bands gespielt. Statt dessen machte Dennis eine Ausbildung zum Bankbeamten, Stefan eine Tischlerlehre, Henning schlug sich nach dem Abi mit diversen Jobs durchs Leben, und Sandra wollte nach dem Fachabitur auf die Kunstakademie. Aber wie das Schicksal von Bands so spielt, fand man sich zusammen und gewann den Local-Hero-Wettbewerb '96, unterschrieb einen Vertrag mit BMG und veröffentlichte 1997 den Hitparadenstürmer "Open Your Eyes" (Gold) und das Album Proud Like A God (Platin). Sind die Guano Apes denn nun gute Musiker? "Das ist doch wie mit der Kunst, da kann man auch nicht sagen, ob ein Bild schön ist - das kann man nicht festlegen", sagt Sandra. Hää?

Göttingen, so die naheliegende Vermutung, platzt wohl vor Stolz - ist die Stadt ja ansonsten nicht gerade als Musikmetropole zu Ruhm gelangt. "Wenn wir daheim sind, versuchen wir, nicht über unsere Musik zu sprechen. Es hat sich nicht viel verändert", sagt Dennis, "außer daß man jetzt Freunde hat, die man vorher gar nicht kannte - da muß man halt aufpassen." Und Stefan fügt hinzu: "Das Schöne an meinen Freunden ist, daß sie meine Musik nicht richtig mögen, die stehen mehr auf HipHop."

Sind junge Bands heutzutage nicht bloß Spielball großer Musikkonzerne? "Wir haben Statements, die wir machen wollen, Dinge, die wir nicht tun wollen - zum Beispiel niemals Playback spielen. Wir schauen, daß wir Sachen machen, die gut für uns sind", sagt Dennis. Auch einem anderen Phänomen unserer Zeit zeigen die Vier inzwischen die kalte Schulter: "Wir machen Musik, aber wir haben keine Vorbildfunktion. Wir sind auf gar keinen Fall Teenie-Idole." Wie das? "Man kriegt halt schon einen Hals, wenn in der Teenie-Presse nur Scheiße geschrieben wird. Zum Beispiel daß 'Rain' entstanden ist, weil Sandra allein in einem Hotelzimmer saß und an ihren Freund dachte. Warum muß man die Kids so verarschen? Wir stehen auch nicht jede freie Minute auf dem Snowboard, wir haben es halt mal ausprobiert. Der Song 'Lords Of The Boards' war eine Auftragsarbeit", stöhnt das Quartett.

Ist Dennis vielleicht mit Sandra oder doch Stefan mit ... wer ist denn nun mit wem liiert? "Wir haben alle unsere Partner, und während einer Tour sind das halt Telefon- und Handybeziehungen", klärt Henning auf. Daß sich vier junge Leute unterschiedlichster Charaktere in einem engen Tourbus nicht unbedingt gleich wie Pech und Schwefel verstehen, möchte man annehmen aber: "Auf der Tour hat man sich erst richtig gut zusammengerauft, hat sich respektieren gelernt. Jeder muß halt zurückstecken", sagt Henning. "Man lernt auch von den anderen. Wir sind jetzt nicht unbedingt erwachsener geworden, aber an Erfahrungen reicher", sagt Sandra.

Und mit jedem Auftritt - erst kamen die kleinen Clubs und kurz darauf schon die großen Open-air-Festivals wie Rock am Ring, Hurricane und Bizarre - ist das Selbstbewußtsein gewachsen: "Es gibt da einen schönen Satz: Auch wenn Courtney Love bei Primus singen würde und Patti Smith bei Rage against the Machine, könnte der Songumfang der Guano Apes nicht erfaßt werden", sagt Dennis, und man mag ein leichtes Staunen nicht unterdrücken. "Wir haben von Anfang an versucht, vielseitig zu bleiben - wir lassen uns auf keine Richtung festlegen."

Ihre Erfahrung mit Berühmtheit und dem lästigen Rattenschwanz, den sie hinter sich herzieht, merkt man der Band tatsächlich schon an. Wehe dem, der sich nur ein bißchen an Sandras Rolle als einzige Frau in der Band herantastet.

"Bei der Harald-Schmidt-Show wollten wir zum Beispiel alle präsent sein, aber das ging nicht", sagt Sandra. "Zumindest saßen wir in der ersten Reihe, und an das Kamerateam erging die Weisung, uns einzublenden. Damit der Eindruck vermittelt wird. daß wir 'ne Band sind", ergänzt Stefan. Und man wird den Eindruck nicht los, daß es ihn vielleicht doch ein bißchen wurmt. Aber eine Frau fällt doch auf? Oder etwa nicht? "Das liegt ja wohl mehr am Sänger als an der Frau", zischt es beinahe gefährlich aus der weiblichen Guano-Ecke. "Das ist ja Ansichtssache. Ich hätte auch ein Mann sein können, dann wäre ich genauso im Mittelpunkt. Die Jungs haben ihr Instrument gewählt, wie ich meins gewählt habe - wir kommen damit klar. Ich finde, sie können das, was sie machen, auch am besten."

Es soll bei Interviews bereits vorgekommen sein, daß die drei Jungs einfach links liegengelassen wurden. Ja, wo gibt's denn so was? "Aber wir mischen uns dann auch ganz bewußt ein. Man muß da auch dagegen ankämpfen", räumt Henning die letzten Zweifel aus dem Weg, daß wirklich alles getan wird, um die Demokratie im Kleinstaat Guano aufrechtzuerhalten. "Wir sind halt eine Band, und scheinbar muß man das den Leuten auch immer wieder beweisen", weiß Dennis, "das ist etwas nervig."

Einer für alle, alle für eine? "Jeder muß auf jeden aufpassen, ein gewisses Verantwortungsbewußtsein haben - aber Sandra ist doch kein kleines Häschen. Jeder von uns hat das Problem, auf Tour zusammenzusein und den anderen Tag für Tag ertragen zu müssen", tönt Dennis. Was Sandra wenigstens mit einem "Ach, sag doch nicht so was" goutiert. Man stelle sich nur vor, wie die Vier aus dem Tourbus hüpfen und in alle Himmelsrichtungen davonstieben. Wer fängt sie dann nur wieder ein? "Mittlerweile versuchen wir, das ein bißchen auf den Tourmanager abzuladen."

"Es ist ja auch kein Kindergeburtstag mehr", korrigiert Stefan, "früher konnte man einen Auftritt vielleicht noch absagen, aber heute hängt ja eine Menge dran - also wegen eines Streits nicht auf die Bühne zu gehen, das wäre lächerlich." Ein Lösungsansatz bei Krisen kommt von Dennis: "Ein paar aufs Maul."

Es ist in der Tat nicht ganz einfach, die wilden Apes auf einem Fleck zu sammeln - und sie obendrein auch noch ruhigzustellen. Die Idee, die Band in exquisites Tuch von Gucci zu hüllen und an einem nicht ganz so feinen Ort für Fotozwecke zu postieren, ist nicht schlecht. Die Umsetzung eine Frage eisernen Willens und von jeder Menge Dompteurqualitäten. Schon zu Beginn scheint die Schlacht verloren: Sandra, erst von einem blauvioletten Berg aus Tüll und Seidenchiffon verhüllt und verwirrt, erkennt die Tragweite eines tiefen Dekolletes. Nein, nicht jede Sängerin trägt ihr Stimmvolumen wie Montserrat Caballe vor sich her. Eine Lösung muß her - verdeckt wird, was nicht verschwindend klein im Riesenausschnitt untergehen soll. Der Weg zwischen Studio und Müllhalde wird zum Canossagang. Nicht ganz zu Unrecht befürchtet der Produktionsstab, daß sich der Tüll verfängt, wo Gucci ihn so gar nicht vermutet. "Mach mir den Gukki", ulken die Jungs - das ausrangierte Wohnmobil bewährt sich als Spielplatz, Gucci als Diskussionsthema. Ob Sandra wirklich in ihren Traum aus Tüll gepupst hat, wie angedroht, bleibt ein Geheimnis. Zumindest sei verraten, daß der Regen über Hannover inzwischen nachgelassen hat und Sandra, unter ihrem Daunenjäckchen fröstelnd, schon wie eine Diva schreiten kann.

Zukunftsmusik? Für 250 000 verkaufte Alben von Proud Like A God regnete es Gold. In diesem Monat treten die Apes wieder im Studio an, um nicht zuletzt all die neugewonnenen Erfahrungen für ihr zweites Album zu verarbeiten. Bis zum Frühjahr nächsten Jahres müssen wir also gespannt warten, ob das richtige Quentchen Guano für eine erneute Goldernte auf dem weiten Feld der Musik reicht. Ihrer Zukunft sehen die Guano Apes relativ gelassen entgegen und rechnen nicht damit, in die Fußstapfen der Rolling Stones zu treten, deren Bühnenabgang mit dem Gehstock im Schlepptau nun kaum mehr abzuwenden ist. "Wir haben das Privileg, uns nicht fürchterlich darum kümmern zu müssen, wie wir über die Runden kommen", sagt Henning, "deshalb haben wir Zeit, über unsere Zukunft nachzudenken und Talente zu entdecken." Und zu träumen: "Wenn Tarantino wieder mal ein paar vernünftige Filme drehen würde, könnte ich mir einen Soundtrack von uns gut vorstellen", meint Schlagzeuger Dennis. Na dann, viel Glück!

aus: GQ (deutsche Ausgabe) September/98
Text: Sophia-Therese Fielhauer
Fotos: Neil Wilder